Meine Kundin zeigte mir einen klassischen Gelbgold-Anhänger mit einer eingefassten «Mutter Gottes-Münze», welches sie vor vielen Jahren von ihren Eltern geschenkt bekam. Obwohl er in der Erscheinung nicht mehr ihrem Geschmack entsprach, wollte sie sich keineswegs von dem Erinnerungsstück an ihre verstorbenen Eltern trennen.
Gemeinsam suchten wir nach Ideen, wie dieser Anhänger zu einem einzigartigen Ohrhänger umgestaltet werden kann. Schnell fanden wir den grundsätzlichen Weg zum neuen Schmuckstück: Die «Münze» sollte geschmolzen werden und – ähnlich wie beim Bleigiessen – zu einer zufälligen, ganz einmaligen Form erstarren. Dieses Objekt arbeitete ich dann in den aus dem Rahmen geformten Ohrhänger ein.
Im Ergebnis lässt nur schwer erahnen, wie das ursprüngliche Schmuckstück einst ausgesehen haben mag, und dennoch birgt es ganz persönliche Erinnerungen der Trägerin in sich.
Erinnerung behalten, Form verändern
Diese Aufgabe stellt sich häufiger, als man denkt: Ein Stück hat grosse persönliche Bedeutung und gefällt gestalterisch nicht mehr. Es abzulegen kommt nicht in Frage, es so zu tragen aber auch nicht.
Der Weg über das Einschmelzen ist dabei radikaler, als er zunächst wirkt, denn das ursprüngliche Bild ist danach nicht mehr da. Bei einer Devotionalie wie einer Medaille ist das eine Entscheidung, die man bewusst treffen muss, und ich frage in solchen Fällen ausdrücklich nach, ob das gewollt ist.
Hier war es gewollt, und der Gedanke dahinter finde ich schön: Das Material bleibt vollständig erhalten, nur die Form gibt es auf. Die Erinnerung hängt nicht mehr am Bild, sondern am Stoff.
Die Zufallsform beim Schmelzen
Was im Text mit dem Bleigiessen verglichen wird, funktioniert tatsächlich ähnlich. Flüssiges Metall nimmt beim Erstarren eine Form an, die niemand vorgibt: Die Oberflächenspannung zieht es zusammen, und je nachdem, wie schnell es abkühlt, bleibt die Oberfläche glatt oder wird runzlig.
Solche Formen haben eine Eigenschaft, die man von Hand nicht erreicht: Sie sind wirklich zufällig. Jeder Versuch, eine Nuggetform nachzuarbeiten, sieht nachgearbeitet aus, weil unsere Hand immer eine Ordnung hineinbringt.
Für den Auftrag heisst das aber auch: Das Ergebnis ist nicht planbar. Ich kann sagen, in welche Richtung es geht, nicht wie es aussehen wird. Bei einem Material, von dem es nur diese eine Menge gibt, ist das eine Entscheidung, die vorher fallen muss. Deshalb spreche ich das an, bevor die Flamme angeht.
Vom Rahmen zum Ohrhänger
Der alte Rahmen, der die Münze gefasst hatte, wurde nicht weggeworfen, sondern zum Ohrhänger umgeformt. Damit steckt auch die Fassung noch im neuen Stück.
Bei Ohrschmuck kommen zwei Anforderungen dazu, die ein Anhänger nicht hat. Das Gewicht muss stimmen, denn ein Ohrläppchen trägt an einer kleinen Fläche, und zu schwere Stücke weiten das Loch mit den Jahren. Und der Schwerpunkt muss unter dem Aufhängepunkt liegen, sonst dreht sich das Stück beim Tragen weg. Bei einer unregelmässigen Zufallsform ist das eine Rechnung, die ich mit dem fertigen Teil in der Hand mache.
Wenn Sie ein Erinnerungsstück haben, das Sie nicht tragen, bringen Sie es mit. Melden Sie sich bei mir, wir sehen es zusammen an, bevor irgendetwas verändert wird.








